Jule Epp

Was ist Autismus?

Für Eltern, Lehrer, Therapeuten und alle anderen, die mit einem autistischen Kind zu tun haben

Wenn Sie dies lesen, dann liegt das wahrscheinlich daran, dass Sie eine Verbindung zu einem Kind mit einer Autismus-Spektrum-Diagnose haben. Vielleicht sind Sie ein Elternteil, ein Lehrer, ein Therapeut. Wahrscheinlich versuchen Sie, dieses Kind zu verstehen.  Es gibt tatsächlich viele Wege, dies zu tun, da es verschiedene Theorien gibt, die zu erklären versuchen, was Autismus ist und wie wir darauf reagieren sollten. Ich möchte Sie in eine Theorie einführen, von der ich glaube, dass sie für Autismus als komplexes Gesamtgebilde, einen Sinn ergibt. Es ist eine Theorie, die die unzähligen, manchmal rätselhaften "Symptome" erklären kann, aber Autismus dennoch in eine umfassende "allzu menschliche" Dynamik einbettet. Es ist eine, die sich auf unsere Einsichten über die menschliche Natur und die Entwicklung von Kindern im Allgemeinen stützt und es uns erlaubt, unserer Intuition in unseren Interaktionen mit Kindern auf diesem Spektrum zu vertrauen. Sie wird als beziehungs- und entwicklungsbasierter  Ansatz bezeichnet.

Diese Art, Autismus zu verstehen, beginnt mit einem Fokus auf das sensorisch-motorisch-emotionale System des Gehirns. Aus Gründen, die wir noch nicht genau kennen, werden einige Kinder mit einem Gehirn geboren, das mehr Informationen ins Gehirn lässt, als das Gehirn verarbeiten kann. Diese Kinder sind mit allen Arten von sensorischen Informationen aus der Aussenwelt sowie sensorisch-motorisch-emotionalen Informationen aus dem Körperinneren überlastet, was zu kritischen Beeinträchtigungen des Aufmerksamkeitssystems führt. Einfach ausgedrückt: Diese Kinder sind nicht in der Lage, eine ausreichende Menge an Reizen herauszufiltern, damit ihr Gehirn sich in unserer "neurotypischen" Welt optimal konzentrieren und funktionieren kann. Dieser Zustand der Überlastung ist nicht nur im Moment überwältigend und bedrohlich, sondern hat im Laufe der Zeit auch schwerwiegende Folgen für die Entwicklung (deren Ausmaß zum Teil vom Grad der Filterproblematik abhängt - weshalb man vom Autismus-Spektrum spricht). Eine der schwerwiegendsten dieser Konsequenzen ist die Auswirkung, die dieser Zustand der Überlastung auf die Fähigkeit hat, Bindungen einzugehen.


Die Bildung von Bindung...

...ist ein komplexer Tanz, der eine komplizierte Hin-und-Her-Interaktion zwischen Bindungspartnern beinhaltet. Dieser Tanz beinhaltet die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit zu fokussieren, Gesten des anderen in vielen verschiedenen sensomotorischen Modalitäten zu empfangen und darauf zu reagieren, emotionale Reaktionen zu registrieren und zu regulieren und vieles mehr. Es ist ein komplexes "Duett". Diese Interaktionen finden unbewusst statt und umfassen ein Hin und Her in der Zeitspanne von Mikrosekunden. Es ist eine hochgradig koordinierte und doch intuitive "Komposition" für beide beteiligten Parteien. Für ein Kind mit einem Filterproblem, das eben dieses sensorisch-motorisch-emotionale Systeme betrifft, auf das sich das "Duett" stützt, können solche Hin-und-Her-Interaktionen jedoch schnell belastend, undefiniert und verwirrend wirken - sie können sich sogar wie Lärm statt wie "Musik" anfühlen. Sie können als geradezu abstoßend erlebt werden. Zumindest haben diese Interaktionen nicht den "Flow", den das Kind braucht, um sich vom anderen gehalten und mit ihm verbunden zu fühlen. Die Bindungen sind einfach nicht in der Lage, sie zu "tragen".

Wir sind soziale Geschöpfe, die für ihr Überleben auf Bindungen angewiesen sind. Dies gilt auch für ein Kind auf dem autistischen Spektrum. Wenn also ein autistisches Kind nicht in der Lage ist, die Bindungen zu bilden, die es braucht (oder zumindest nicht so tief oder nicht in dem Maße, wie es sie braucht), dann wird sich das Kind in der Tat sehr alarmiert fühlen, vor allem wenn man bedenkt, dass es bereits eine Bedrohung durch sensorische Bombardierung erlebt. Es wird auch in eine Art verzweifeltes Suchen verfallen und tiefe Frustration erfahren. Diese intensiven Emotionen selbst führen dann zu einer zusätzlichen Überlastung des sensomotorisch-emotionalen Systems des Kindes, und das Kind ist in einer tragisch eskalierenden Dynamik gefangen.

Das Gehirn hat in dieser Art von Situation nur wenige Möglichkeiten. Eine der schwerwiegendsten dieser Möglichkeiten ist der Rückzug, der ‚“Shutdown“. Das ist es, was die Menschen oft sehen, wenn sie sich zu autistischen Kindern äußern, die "in ihrer eigenen Welt" zu sein scheinen. Dieser defensive Rückzug hat weitere negative Entwicklungs- und Bindungsfolgen, und so haben wir wieder einmal einen eskalierenden, tragischen Kreislauf, der sowohl auf der sensorischen als auch auf der emotionalen Ebene zwischen Über- und Unterstimulierung hin- und herpendelt.

Selbst mit diesem sehr kurzen Überblick über einen beziehungsbasierten Entwicklungsansatz für Autismus haben wir bereits einen klaren Fahrplan, wie wir auf unsere Kinder auf dem Spektrum reagieren können. Einerseits müssen wir die sensorisch-emotionale Überlastung im Leben eines Kindes auf jede nur erdenkliche Weise reduzieren. Letztlich bedeutet dies, dass wir "unsere" Welt so verändern müssen, dass sie für das Kind "besser funktioniert". Dies kann sehr praktisch geschehen, indem wir das tägliche Leben strukturieren oder die sensorische Stimulation reduzieren. Aber es geht auch darum, Reaktionen und Verhaltensweise auf unsere Seite zu reduzieren, die die Flamme der Überlastung auf emotionaler Ebene für das Kind "entfachen" könnte. Gleichzeitig müssen wir versuchen uns auf die Funktionsweise seines Gehirns einzustimmen, um die Bildung von Bindungen zu erleichtern, die dem Kind die Sicherheit und Unterstützung gibt, die es braucht, um sich zu entwickeln. Wenn wir verstehen, was das Gehirn tut und wie Bindungen entstehen, können wir in die Welt unseres autistischen Kindes eintreten und das "Duett" besser unterstützen.

Einer der besten Wege, diese Unterstützung anzubieten, ist das Spiel. Das Spiel ist eine Ganzkörpererfahrung, die das gesamte sensorisch-motorisch-emotionale System einbezieht. Doch aufgrund der Eigenschaften des Spiels erfährt ein Kind, wenn es sich im Spielmodus befindet, keine Überlastung. Das Spiel ist für alle Säugetiere, einschließlich erwachsener Menschen, zutiefst instinktiv (auch wenn wir vielleicht den Zugang dazu verloren haben). Kinder werden zumindest intuitiv davon angezogen, selbst autistische Kinder. Spielen ist per definitionem anziehend, ein Vergnügen. Im Spiel erfährt das Kind auf dem Spektrum Sicherheit und Motivation, sich zu beteiligen und zu erforschen. Zugegeben, das autistische Kind braucht Unterstützung, um in diese Spielwelt einzutreten (siehe Editorials). Aber wenn es einmal in dieser Welt ist - und es gibt immer Fenster und Türen, die dem Kind helfen, einzutreten - hat das Kind eine Bühne, auf der sich Bindungen bilden können und  sich Entwicklung auf natürliche Weise entfalten kann. Genau das muss geschehen, damit wir unser individuelles menschliches Potenzial verwirklichen können - ob wir nun "neurotypisch" oder auf dem autistischen Spektrum sind.






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